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Ertragssteigerung mit bifazialen Solarmodulen: Bis zu 30 % mehr Stromertrag

Magazin · mainilkanjo GmbH · ca. 8 Min. Lesezeit

Die Erschliessung zusätzlicher Ertragspotenziale gewinnt im gewerblichen Photovoltaiksektor zunehmend an Bedeutung. Bifaziale Solarmodule bilden in diesem Zusammenhang eine Schlüsseltechnologie, die durch die Nutzung der Modulrückseite signifikante Mehrerträge gegenüber monofazialen Standardmodulen ermöglicht. Auf Gewerbedächern, Freiflächen und in Agri-PV-Konzepten in Deutschland realisieren Betreiber je nach Standortbedingungen, Aufständerwinkel und Bodenreflexion Ertragsgewinne zwischen 5 und 30 Prozent. Diese Bandbreite illustriert, dass die Wirtschaftlichkeit bifazialer Solarmodule nicht pauschal, sondern projektspezifisch betrachtet werden muss. Insbesondere die Wechselwirkung zwischen Modulgeometrie, Reflektionsverhalten der Unterkonstruktion und elektrischer Auslegung des Wechselrichters bestimmt den realen Bilanzkreis-Ertrag im Jahresmittel. Der vorliegende Fachbeitrag systematisiert die technischen Parameter, gibt belastbare Auslegungsempfehlungen für industrielle Anwendungen und stellt die wesentlichen Anforderungen an die Anlagenplanung dar. Berücksichtigt werden dabei die in Deutschland relevanten Normen sowie die Förderkulisse aus EEG, KfW und Solarpaket I. Damit erhalten Investoren und technische Verantwortliche eine fundierte Entscheidungsgrundlage für die Auswahl der passenden Modultechnologie im industriellen Massstab.

Technologische Grundlagen bifazialer Solarmodule

Bifaziale Solarmodule unterscheiden sich von klassischen monofazialen Varianten durch eine doppelseitig aktive Solarzelle. Die Rückseite ist nicht mit einer opaken Backsheet-Folie verschlossen, sondern in Glas-Glas-Bauweise ausgeführt. Dadurch können Photonen, die auf die Modulrückseite treffen, ebenfalls in elektrische Energie umgewandelt werden. Der vorderseitige Wirkungsgrad moderner bifazialer Module liegt heute zwischen 21 und 22 Prozent, in Spitzenkonfigurationen mit TOPCon- oder Heterojunction-Zellen darüber. Der sogenannte Bifazialitätsfaktor, also das Verhältnis zwischen rückseitigem und vorderseitigem Wirkungsgrad, beträgt bei TOPCon-Zellen typischerweise 80 bis 85 Prozent. PERC-Zellen erreichen dagegen lediglich 70 bis 75 Prozent. Die Differenz wirkt sich unmittelbar auf den realisierbaren Mehrertrag aus und ist ein wesentliches Auswahlkriterium bei der Modulbeschaffung für industrielle Projekte.

Zellarchitektur und Materialwahl

Die Wahl der Zellarchitektur entscheidet über die langfristige Ertragsleistung. TOPCon-Module zeigen geringere Degradationsraten von etwa 0,4 Prozent pro Jahr gegenüber 0,5 bis 0,6 Prozent bei PERC. Heterojunction-Technologie weist sogar Werte um 0,25 Prozent auf. Bifaziale Solarmodule in Glas-Glas-Ausführung bieten zudem eine erhöhte mechanische Stabilität, reduzieren das Risiko von Mikrorissen und erreichen Lebensdauern von über 30 Jahren. Hersteller geben Leistungsgarantien von 30 Jahren auf 87,4 Prozent der Nennleistung. Diese Eigenschaften machen die Technologie für industrielle Investoren mit langen Amortisationshorizonten besonders interessant, da die Lebenszyklus-Stromgestehungskosten signifikant sinken. Auch das Brandverhalten der Glas-Glas-Konstruktion ist günstiger, weil die Backsheet-Folie als Brandlast entfällt, was sich positiv auf die Versicherungsprämien und das Brandschutzkonzept der Gesamtanlage auswirkt.

Einflussgröße Albedo: Bodenreflexion als Ertragstreiber

Der entscheidende physikalische Parameter für den Mehrertrag bifazialer Solarmodule ist die Albedo, also der Reflexionsgrad der Umgebungsfläche unter und um das Modul. Sie wird auf einer Skala von 0 bis 1 angegeben. Eine asphaltierte oder dunkel begrünste Fläche weist Albedo-Werte von 0,1 bis 0,15 auf, naturbelassener Boden 0,15 bis 0,25, helle Schotterung oder Kies 0,30 bis 0,40. Auf weissen Flachdachfolien aus TPO oder PVC werden Werte von 0,60 bis 0,80 gemessen, frisch gefallener Schnee kann sogar 0,85 erreichen. Genau hier liegt der entscheidende Vorteil bifazialer Solarmodule auf gewerblichen Flachdächern: Eine weisse Dachhaut wirkt wie ein passiver Reflektor und liefert dem Modul über die Rückseite einen erheblichen Photonenanteil. Auch eine gezielte Begrünung mit hellen Substraten kann die Albedo gegenüber Standardgründächern anheben.

Quantifizierung des Mehrertrags

Bei einer Albedo von 0,2 ergibt sich rechnerisch ein Mehrertrag von etwa 5 bis 8 Prozent. Bei 0,4 steigt der Wert auf 10 bis 15 Prozent. Auf optimierten weissen Flachdächern mit Albedo 0,7 sind 20 bis 25 Prozent realistisch, in Sonderkonfigurationen mit vertikaler Aufständerung und Schneelage zeitweise bis zu 30 Prozent. Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung bifazialer Solarmodule erfordert daher eine genaue Erhebung der Bestandsbedingungen. Die Reflexion einer alten, vermoosten Bitumendachbahn beträgt nur 0,1 und reduziert den Mehrertrag auf marginal vier Prozent. Eine geplante Sanierung der Dachhaut mit heller TPO-Folie kann die Bifazialität erst in einen wirtschaftlich attraktiven Bereich heben. Wird die Sanierung ohnehin durchgeführt, ergibt sich ein doppelter Effekt aus Dämmwertverbesserung und Albedo-Steigerung, was den Mehrertrag bifazialer Solarmodule zusätzlich abstützt.

Geometrische Auslegung: Bodenabstand und Reihenabstand

Die geometrische Auslegung bifazialer Solarmodule unterscheidet sich grundlegend von monofazialen Anlagen. Damit die Rückseite effektiv beleuchtet wird, muss der Abstand zwischen Modulunterkante und reflektierender Fläche ausreichend groß gewählt werden. Als Mindestabstand gelten 20 bis 30 Zentimeter, ein wirtschaftliches Optimum liegt bei 50 Zentimetern und mehr. Untersuchungen zeigen, dass eine Vergrößerung von 20 auf 100 Zentimeter den Rückseitenertrag um drei bis fünf Prozentpunkte steigert. Auf Flachdächern bedeutet das eine höhere Aufständerung, was wiederum Auswirkungen auf die Windlast nach DIN EN 1991-1-4 und auf die statische Belastung der Dachhaut hat. Die zusätzlichen aerodynamischen Kräfte müssen im Standsicherheitsnachweis ausgewiesen und durch Ballastierung oder mechanische Verankerung kompensiert werden.

Reihenabstand und Selbstverschattung

Bifaziale Solarmodule reagieren empfindlicher auf Selbstverschattung der Rückseite durch benachbarte Modulreihen. Der Reihenabstand sollte daher gegenüber monofazialen Anlagen um 10 bis 20 Prozent erweitert werden, um eine homogene Rückseitenbeleuchtung zu gewährleisten. Dies reduziert zwar die Belegungsdichte, aber der spezifische Ertrag pro Kilowatt-Peak steigt. Die Optimierung erfolgt über Simulationen in PVsyst oder PV*SOL, die das diffuse und direkte Strahlungsverhalten des Rückseitenanteils detailliert abbilden. Für Gewerbeanlagen ist die Belegungsdichte gegenüber dem Flächenertrag abzuwägen. Auf Dächern mit begrenzter Statik kann ein größerer Reihenabstand sogar willkommen sein, weil er das Flächengewicht reduziert. Bei Freiflächenanlagen wirkt sich der erweiterte Reihenabstand zudem positiv auf Pflege- und Mahnmöglichkeiten zwischen den Reihen aus, was die Betriebskosten reduziert und biodiversitätsfördernde Konzepte zulässt.

Vertikale Aufständerung und Agri-PV-Konzepte

Eine besondere Anwendung bifazialer Solarmodule ist die vertikale Aufständerung, bei der Module Ost-West-orientiert senkrecht montiert werden. Diese Konfiguration findet zunehmend Verbreitung in der Agri-PV, im Zaunbau und bei gewerblichen Grundstücksbegrenzungen. Vertikale bifaziale Solarmodule erzeugen ein zweigeteiltes Ertragsprofil mit Morgens- und Abendspitzen, was sich vorteilhaft auf den Eigenverbrauchsanteil in Betrieben mit Schichtarbeit auswirkt. Die Mittagsspitze fällt geringer aus, dafür ist die Produktion ausgewogener über den Tag verteilt. Diese Lastganganpassung reduziert die Notwendigkeit zur Speicherzwischenpufferung und kann Netzeinspeisespitzen vermeiden, die mit der zunehmenden Direktvermarktungspflicht relevant werden.

Anwendungsfälle in der Praxis

In der landwirtschaftlichen Nutzung erlaubt die vertikale Bauweise das ungestörte Befahren der Flächen zwischen den Modulreihen mit Standardmaschinen. Reihenabstände von acht bis zwölf Metern sind üblich. Auf gewerblichen Arealen können vertikale bifaziale Solarmodule gleichzeitig als Sichtschutz, Lärmschutzwand oder Grundstückseinfriedung dienen. Der spezifische Jahresertrag liegt bei guter Albedo zwischen 950 und 1100 Kilowattstunden pro Kilowatt-Peak. Im Vergleich zu Süd-aufgeständerten Anlagen ist der absolute Ertrag etwa 10 bis 15 Prozent niedriger, jedoch zeigt die zeitliche Verteilung Vorteile bei der Vermarktung am Spotmarkt sowie bei der Reduktion der Erlösausfälle durch negative Strompreise in der Mittagszeit. Auch in Kombination mit Speichersystemen ergeben sich neue Optimierungsansätze, die über das klassische Eigenverbrauchsmodell hinausgehen und zunehmend Bestandteil hybrider Erneuerbare-Energien-Konzepte werden.

Elektrische Auslegung und Wechselrichter

Die höhere spezifische Leistung bifazialer Solarmodule erfordert eine angepasste elektrische Auslegung. Das Verhältnis von installierter Modulleistung zu Wechselrichternennleistung, die DC/AC-Ratio, sollte konservativer gewählt werden als bei monofazialen Anlagen. Wo bei klassischen Anlagen Werte um 1,2 üblich sind, empfehlen sich bei bifazialen Solarmodulen Werte zwischen 1,1 und 1,15, um Abregelungsverluste in Spitzenstrahlung mit hohem Rückseitenertrag zu vermeiden. Andernfalls clipped der Wechselrichter Mehrerträge ab, die gerade die Wirtschaftlichkeit der bifazialen Technologie ausmachen. Die Wahl zwischen Zentral-, String- und Modulwechselrichter hängt von Anlagengröße, Verschattungssituation und Wartungskonzept ab.

Strangverkabelung und MPP-Tracker

Die Verkabelung erfolgt analog zur konventionellen Anlage, allerdings sollte beim MPP-Tracking berücksichtigt werden, dass die Rückseite je nach Tagesverlauf unterschiedlich stark beschienen wird. Stringverschattungen durch Aufbauten, Kamine oder Lichtkuppeln wirken sich bei bifazialen Modulen anders aus als bei monofazialen. Moderne Wechselrichter mit mehreren MPP-Trackern erlauben eine differenzierte Behandlung von Stringgruppen mit unterschiedlichem Bifazialgewinn. Die Auslegung der DC-Kabel ist nach DIN VDE 0100-712 vorzunehmen, wobei die höheren Ströme des Bifazialgewinns einkalkuliert werden müssen. Ein Sicherheitszuschlag von zehn bis fünfzehn Prozent auf den Kurzschlussstrom des Moduls hat sich in der Praxis bewährt. Zudem sollten Sicherungen und Schutzschalter entsprechend dimensioniert werden, um Auslegungsreserven für Lastspitzen vorzuhalten. Die Strangsicherungen müssen den höheren Rückströmen standhalten und die Schutzkoordination zwischen Generatoranschlusskasten und Wechselrichter ist auf den realen Bifazialgewinn auszulegen.

Wirtschaftlichkeit bifazialer Solarmodule im Gewerbeeinsatz

Die Investitionskosten bifazialer Solarmodule liegen aktuell etwa fünf bis zehn Prozent über denen monofazialer Glas-Folie-Module. Bei Glas-Glas-Bauweise erhöhen sich zudem die Anforderungen an die Unterkonstruktion, da die Module im Mittel ein bis zwei Kilogramm pro Quadratmeter schwerer sind. Dem stehen jedoch substantielle Vorteile gegenüber: Mehrertrag, längere Lebensdauer, geringere Degradation und reduzierte Brandlast. Über einen Betrachtungszeitraum von 30 Jahren ergeben sich Stromgestehungskosten, die je nach Standortbedingung sechs bis zwölf Prozent unter denen monofazialer Vergleichsanlagen liegen. Der Mehrwert bifazialer Solarmodule realisiert sich somit über die Lebenszeit und nicht über den reinen Einkaufspreis, was eine an Kapitalwertbetrachtungen orientierte Investitionsentscheidung nahelegt.

Förderkulisse und EEG-Vermarktung

Im Rahmen der gewerblichen PV-Anlagen bis 750 Kilowatt-Peak ist die Festvergütung nach EEG attraktiv, für größere Anlagen greift die Direktvermarktung. Das Solarpaket I hat die Schwellenwerte angehoben und die Pflicht zur Direktvermarktung für Anlagen über 100 Kilowatt-Peak im Eigenverbrauchsmodell flexibilisiert. KfW-Förderprogramme wie der Erneuerbare-Energien-Standard 270 ermöglichen zinsgünstige Finanzierung bis 50 Millionen Euro pro Vorhaben. Die BAFA bietet ergänzende Förderwege für integrierte Konzepte mit Wärmepumpen oder Speichern. Eine sorgfältige Wirtschaftlichkeitsrechnung berücksichtigt nicht nur die Mehrkosten der bifazialen Solarmodule, sondern auch die Synergien mit ohnehin geplanten Dachsanierungen, etwa der Verlegung weisser TPO-Folie zur Albedo-Optimierung. In dieser Gesamtbetrachtung sind interne Renditen von acht bis elf Prozent realistisch. Die längere wirtschaftliche Nutzungsdauer über 30 Jahre und die geringere Degradation verlängern den Cashflow-Horizont substanziell und stabilisieren die Refinanzierung.

Fazit

Bifaziale Solarmodule sind im gewerblichen Einsatz unter deutschen Klimabedingungen eine wirtschaftlich tragfähige Option, sofern die Standortparameter sorgfältig analysiert werden. Entscheidend sind Albedo der Unterfläche, Bodenabstand, Reihenabstand sowie die elektrische Auslegung des Wechselrichters. Auf Flachdächern mit weisser Dachhaut, in Freiflächenanlagen mit heller Schotterung sowie in vertikalen Agri-PV- und Zaunkonfigurationen werden Mehrerträge von zehn bis 30 Prozent realisierbar. Die Glas-Glas-Bauweise verlängert die Lebensdauer auf über 30 Jahre und reduziert die spezifischen Stromgestehungskosten signifikant. In Kombination mit den aktuellen Förderprogrammen aus EEG, KfW und Solarpaket I ergeben sich attraktive Investitionsbedingungen. Wesentlich bleibt die projektspezifische Ertragssimulation durch qualifizierte Fachplanung, die die individuellen Standortbedingungen mit den technischen Eigenschaften der bifazialen Module abgleicht und in eine belastbare Lebenszykluskostenrechnung überführt. Damit sind bifaziale Solarmodule für Gewerbe und Industrie nicht nur eine technologische Option, sondern eine strategische Weichenstellung.

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